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Leseprobe: "Barackenkinder" von Marion Schinhofen

Leseprobe: "Barackenkinder" von Marion Schinhofen

Leseprobe: "Barackenkinder" von Marion Schinhofen

 

"Barackenkinder"

von Marion Schinhofen

Taschenbuch, 278 Seiten

ISBN 978-3-96050-158-9

 

 

 

Inhalt:

Vorgeschichte
Regina erzählt: Ich war ein Baracken- und Heimkind
Hineingeboren ...
Friede, Freude, Freiheit
Ein jahrelanges Martyrium nimmt seinen Anfang
Schlimmer geht immer ...
Nichts wird gut!
Bewusstseinsbildung der brutalsten Art!
Hat man mich vergessen?
Sadismus gehört zum Erziehungssystem!
Arbeitslager und Frauenhandel im dritten Heim!
Verkauft, verheiratet, verbindlich - und keine Prügel
Endlich frei!
Eine geschützte Burg für unsere Rachepläne
Ein neues Jahr und ein dritter Rundumschlag
Ein vierter Punkt will noch erledigt werden
Uns zieht es in die Ferne!
Schreck lass nach. Hört das denn nie auf?
Ein neuer Lebensabschnitt für mich in Deutschland!
Weitere Versuche der Vergangenheitsbewältigung
Macht ausnutzen, Diskriminierung und Profitdenken!
Ist Sexismus ein Gendefekt oder zunehmende Verblödung?
Das Schicksal nimmt seinen Lauf ...
Mein bester Freund ist tot
Wieso gibt es in Deutschland noch arme Menschen?
Auszug meiner Recherchen und Gespräche mit Heimkindern
Gewaltopfer gibt es massenhaft, auch außerhalb der Heime!
Opferschutz, Gerechtigkeit und Anzeigenpflicht? Wo?
Wie sieht es 2018 mit Kinderschutz und -rechten aus?
Und wie sieht es 2018 mit Frauenschutz und -rechten aus?
Gewalt an Frauen und Kindern, leider auch heute noch Realität
Nicht länger wegschauen! Nicht weiter tolerieren!
Kirchen und ihre grenzenlose Macht
Der unermessliche Reichtum der Kirchenzentrale Vatikan
Regina kommt zum Ende ihrer Geschichte
Noch einmal jung sein? Nein, danke!
Das Buchende naht
PS:
Anhang
Erinnerung an unsere mutigen Vorkämpferinnen
Quellenangaben

 

Vorgeschichte

»Hallo ... Ja, am Apparat ... Oh, wie bitte ...? Natürlich ... Gerne können wir uns treffen ... Wann und wo? ... «

Kaum zu glauben, das war der Startschuss zu diesem Buch! Wieder einmal merkte ich, wie klein die Welt doch geworden ist. Ich weiß, das ist ein abgelutschter Satz, aber er passt einfach.
Natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut, als mein Buch im Februar 2018 über die verhängnisvolle Geschichte von »Betty und Paul «, die sich nach fast dreißig Jahren – an einem für sie früher unvorstellbaren Ort – wiedersehen, und am Ende in ein glückliches Leben zurückfinden, veröffentlicht wurde. 
Nur, was ich aufgrund der großen Zeitspanne in dem Roman nicht für möglich gehalten habe und obwohl ich andere Namen benutzte, meldete sich eine Dame bei mir, die sich in der Ortsbe-schreibung und den Kindheitserinnerungen wiedergefunden hat. Ohne sich jedoch daran zu erinnern, wer Betty oder Paul sein könnten. Viele Kinder waren damals ihre Spielgefährten. Ich würde ihr die richtigen Namen und den jetzigen Wohnort auch niemals sagen. Menschen, deren wahre Erlebnisse ich aufschreiben und veröffentlichen darf, erhalten Decknamen. Sie zu schützen, ist oberstes Gebot. Kein anderer wird je erfahren, wer diese Personen in Wirklichkeit sind, wenn sie nicht selber an die Öffentlichkeit gehen wollen.
Anfang April 2018 rief mich also eines Abends besagte Dame an – ich nenne sie hier Regina – und bat um ein Treffen. Diese angenehme Stimme kam mir irgendwie bekannt vor und als sie ihren Namen nannte, war ich doch ziemlich erstaunt. Denn ich kannte sie aus dem Fernsehen und aus der Regenbogenpresse. Ob in Wartezimmern oder beim Friseur, ich greife zum Zeitvertreib nach diesen Boulevardzeitschriften, um mich über die neuesten Klatschmärchen zu amüsieren. Ab und zu sind auch Fotos und Artikel über Regina darin.
Zwei Tage später trafen wir uns in einem etwas versteckt gelegenen, sehr gemütlichen Café. Zuerst erkannte ich sie gar nicht mit ihrer großer Sonnenbrille, Perücke und Hut. Aber welche elegante Dame hat in einem Café eine Sonnenbrille auf? Als ich an ihren Tisch trat, nahm sie die Brille ab und lächelte mich ziemlich nervös an. In einer stillen Ecke sitzend, lernten wir uns bei Kaffee, Kuchen und harmlosem Geplauder näher kennen. Im Laufe unserer Unterhaltung wurde sie lockerer und vom Smalltalk gingen wir zu ernsteren Themen über. Kurz bevor das Café schließen wollte, vereinbarten wir ein weiteres Gespräch, worauf noch viele folgen sollten.
Vor unseren Treffen rief mich Regina jedes Mal an, um mit mir Zeitpunkt und Ort abzustimmen. Entweder trafen wir uns in meinem Wohnbüro oder an den unterschiedlichsten, abgelegensten Stellen, wo sie ungestört alleine mit mir reden konnte, ohne die Gefahr, von jemandem gehört oder gesehen und erkannt zu werden. Als sie fähig war, gefasster mit ihrer Geschichte fortzufahren, machten wir bei schönem Wetter Waldspaziergänge oder hielten uns sonst wo draußen unter Menschen auf. Wobei sie sich vorsichtshalber immer etwas verkleidete, um unerkannt zu bleiben. Besonders wenn sie ungeschminkt kam, sah sie anders aus als im Fernsehen. Dabei ist sie eine Naturschönheit und hätte diesen »TV-Kleister« im Gesicht überhaupt nicht gebraucht. Die Fältchen um die Augen herum stehen ihr gut. Mein Eindruck: alterslos, charmant und sehr beweglich, nicht nur im Kopf. Etwas in ihrem Blick war geheimnisvoll. Sie verbarg geschickt tragische Ereignisse.
Das Nicht-Auffallen-Wollen hat die ganze Zeit prima geklappt, obwohl wir manchmal über ihren Aufzug beide herzhaft lachen mussten. Wer nicht erkannt werden will, der schafft das tatsächlich. Trotz heutiger aufdringlicher Paparazzi und Selfie-Beses¬sen¬heit blieben wir in der Öffentlichkeit unbeachtet.
Ich merkte von Mal zu Mal mehr, dass Regina entspannter wurde und froh war, dass ich weder Kommentare noch Bewer-tungen von mir gab. Eine Bandaufnahme machte ich nicht, son-dern stenographierte nur einiges mit. Ein Zeitlimit gab es nicht. Waren es am Anfang zwei oder drei Stunden tagsüber, wo ihre Schilderungen zögernd, stockend und knapp und ihre Pausen sehr lange waren, verlängerten sich unsere Treffen oft bis in die Nacht hinein. Nach und nach fasste sie mehr Vertrauen und er-zählte mir immer befreiender ihre unbegreifliche Leidensge-schichte. Es war für sie ein hartes Stück Arbeit. Je stärker sie sich auf ihre Vergangenheit einließ und ihre tief vergrabenen schrecklichen Erlebnisse an die Oberfläche holte, umso emotionaler wurden ihre Ausbrüche. Anfangs kämpfte Regina dagegen an, doch schon bald gab sie nach und ließ es geschehen. Sie wollte nicht länger die Warnhinweise ihres Körpers ignorieren, der ihr mit Schmerzen deutlich zu verstehen gab, dass es höchste Zeit wurde, den noch vorhandenen seelischen Ballast endgültig aus ihrem Leben zu werfen. Beim Erzählen merkte sie ja selber, wie sich ihre innere Ritterrüstung langsam aufzulösen begann. Es tat ihr gut und erleichterte sie, mit einem neutralen Menschen frei reden zu können, der mit ihr weinte und vor allen Dingen ihr zuhörte und ihr glaubte. Ihre Freundinnen wissen vieles, aber nicht alles aus Reginas Leben.
Menschen möchten unliebsame Erlebnisse gerne schnell ver-gessen. Sie bedienen sich des Verdrängungsmechanismus, ohne zu bedenken, dass, wenn es an der Verarbeitung hapert, dies für ihre körperliche, seelische und geistige Gesundheit nicht zuträglich ist.
In meinem Handgepäck befanden sich unter anderem ein CD-Player, CDs und Kerzen. Das gehört zu einer Art Ritual, das ich bei Bedarf einsetze, und dessen positive Wirkung mir bekannt ist. Auch bei Reginas Ausbrüchen zündete ich Kerzen an und ließ im Hintergrund leise meditative Musik laufen, bis sie sich beruhigt hatte und bereit war, weiter zu erzählen. Diese Art der Entspannung war ihr nicht unbekannt und wirkte nach wenigen Momenten.
Im Nachhinein denke ich mir, dass es bei ihrer Entkrampfung ähnlich gewesen sein muss wie bei einem Zahnarzt, der einem ohne jede Betäubung einen chronisch kranken Zahn zieht, der unendlich lange gequält hat. Regina tobte sich besonders im Wald aus, indem sie laut schrie und weinte, ohne gefährlich zu werden. Keiner hinderte sie daran oder hielt sie für verrückt. Niemand band sie fest. Es gab keine Spritzen oder Beruhigungs-pillen oder andere Bremsmittel, nur Wassertrinken und eine Umarmung von mir. Befanden wir uns in einem Innenraum, sorgten sanfte Musik und das warme Licht der Kerzen für eine Wohlfühlatmosphäre.
Wahrscheinlich stehen einem Therapeuten jetzt die Haare zu Berge, wenn er das liest. Aber sie war nicht gewalttätig, sondern wurde selber von ihren emotionalen Reaktionen nach so langer Zeit völlig überrascht. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen, dass eine endgültige Vergangenheitsbewältigung sie derart mitnehmen würde. Sie hatte gedacht, wenn sie sich einmal alles von der Seele redete, verschwänden die Reste von Selbstanschuldigung, Angst, Wut und verkrustetem Erziehungsmuster. Dass der Weg bis zu diesem Ziel schmerzhaft sein könnte, weil Unverarbeitetes unwillkürlich hochkam, hatte sie nicht bedacht. Ich ließ sie toben und schreien, bis es vorbei war.
An einem heißen Tag – wir saßen bei mir auf dem Balkon – zog sie ihre Jacke aus und ich sah ihren mit dicken Narben übersäten Rücken. Regina meinte dazu nur spöttisch: »Viele lassen sich heutzutage tätowieren, malen ihren Körper an, weil es in ist. Vielleicht sollte ich es ihnen gleichtun und meinen Rücken einfärben oder mit einem großen Tattoo verschönern lassen, dann könnte ich endlich in einem öffentlichen Bad schwimmen gehen.«
Mich hat das Erzählte mitunter an meine Grenzen gebracht. Da kamen auch bei mir unliebsame Erinnerungen aus früheren Jahren hoch, wo wir Kinder noch mit dem Stock in der Schule und zuhause bestraft worden waren. Wie wir Erwachsenen mit Vergnügen Streiche gespielt hatten, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlten, was nicht selten der Fall gewesen war. Oder wir belauschten sie heimlich bei ihren Unterhaltungen, wenn sie bei schönem Wetter draußen saßen. Sobald jedoch der Nachrichtenaustausch um »so was« ging, wurde geflüstert oder verschämt geschwiegen, was uns Kinder noch neugieriger machte. Schnell wechselten sie das Thema, doch wir begriffen, dass es sich um etwas Böses handeln musste. Frauen und Männer verhielten sich dann so komisch.
In unseren gemeinsamen Stunden befanden sich Regina und ich oft in einer Art Berg- und Talfahrt der schaurigsten Empfin-dungen.
Sie weiß, dass ich keine Therapeutin bin. Ganz am Anfang ha-be ich sie deshalb in einer Pause gefragt: »Hast du schon einmal eine Therapie gemacht?«
»Eine?« Das klang sarkastisch. »Insgesamt drei Mal habe ich es über etliche Wochen versucht. Seit mindestens achtzehn Jahren nicht mehr, da ich bis vor ungefähr vier Jahren in der Öffentlichkeit stand und Bedenken hatte. Ich wollte mich weder ausliefern, noch Gefahr laufen, erpresst zu werden. Therapeutische Schweigepflicht hin oder her. Man kann heutzutage kaum noch Menschen vertrauen. Zu oft habe ich miterleben müssen, wie Menschen, die anderen vertrauten, hintergangen, verraten und angelogen wurden. Es war mir zu gefährlich, jemandem meine Geschichte restlos anzuvertrauen. Was wäre gewesen, wenn er mein Bekanntsein ausgenutzt und sein Wissen für viel Geld ausgeplaudert hätte? Der Umgang der Menschen mit anderen ist gnadenlos geworden, von den Medien ganz zu schweigen. Es gibt Leute, die tun alles, um in die Zeitung oder ins Fernsehen zu kommen. Denen ist es vollkommen egal, ob sie lügen oder Mitmenschen kompromittieren oder selber primitiv oder schamlos auf andere wirken. Hauptsache, sie ernten öffentliche Aufmerksamkeit. Diese narzisstischen Zeitgenossen tummeln sich in allen Gesellschaftsschichten.
Das, was ich damals aus Rache getan habe, bereue ich nicht. Eine Menge Wut habe ich damit abbauen können. Es brachte mir keine Heilung, aber Genugtuung. Und was ich davor an Grausamkeiten erleben musste, lässt sich nicht leicht erzählen. Nie und nimmer wollte ich das als Actionkurzweilunterhaltung ausgeschlachtet wissen. Auf jeden Fall wäre das ein gefundenes Fressen für die Boulevardpressekraken gewesen. Die Auflagen wären enorm gestiegen. Wenn die dieses Buch in die Finger be-kommen würden und herausfänden, wer ich bin, ginge eine gnadenlose Hetzjagd los, um mehr abscheuliche Details, die hier nicht stehen, herauszubekommen. 
Daher fehlten mir bisher das Vertrauen, das endgültige Loslassenwollen und der Mut, andere, insbesondere Männer, in mein tiefstes Innerstes schauen zu lassen. Therapeuten haben mir nicht helfen können, da meine Bereitschaft nicht vorhanden war, mich ihnen zu öffnen. Die Bewältigung einer schlimmen Kinder- und Jugendzeit gehört wohl mit zu den schwierigsten Herausforderungen im Leben.«

Das, was Regina erleiden musste, ist so abgrundtief  hart und unfassbar, dass ich darüber nachgedacht habe, ob ich mein Manuskript mit ihren Nachkriegserlebnissen (und ihren Parallelen zu unserer heutigen Zeit) zur Veröffentlichung freigeben soll. Regina will jedoch nichts unversucht lassen, die Menschen aufzurütteln, nicht länger wegzuschauen und nicht weiter zu schweigen. Auch hofft sie, mit ihrer Geschichte anderen Frauen und Kindern helfen zu können, deren Leben bislang von Gewalt, Abhängigkeit und Auslieferung geprägt ist und die Angst haben, aus diesem Martyrium auszubrechen. Sie will vermitteln, dass es keinesfalls Schicksal ist, Gewalttaten als Frau oder Kind ertragen zu müssen. Regina hat es selbst erfahren müssen und ist heute davon überzeugt, dass Gewalt pure Machtausübung ist. Es sind Feiglinge, die sich nur an Schwächere herantrauen. Deshalb heißt ihre Devise: Mut und Stärke zeigen und sich nichts mehr gefallen lassen, was man nicht möchte!
Brutale Zeitgenossen sind weit verbreitet, sie sterben nie aus. Ihr ist bewusst, dass es nicht der überwiegende Teil der Bevölke-rung ist, sondern eine Minderheit von Unmenschen, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen gehören.
Regina will informieren und keine reißerische Story haben. Die Zeit der Rache ist lange vorbei. Deshalb wird sie auch nicht die Namen ihrer noch lebenden Peiniger veröffentlichen, die weiterhin ungestraft durch ihr Leben gehen dürfen. Denn sie wird nicht die Spur von Gerechtigkeit erfahren, noch irgendeine Art von Wiedergutmachung erleben, da sich die Täter wie eh und je herausreden können und auf Verjährung plädieren würden.
Sie meint: Genauso wie viele ehemalige große Nazis nach dem Krieg aufs Neue in Amt und Würden kamen, etliche Kriegsver-brecher untertauchen konnten (und zum Teil heute noch leben), und lediglich ein kleiner Teil Mitläufer bestraft wurde, so ist es auch mit unzähligen Gewalttätern in der Nachkriegszeit. Nicht nur diese Sorte Straftäter genießt in unserem Land einen Schutz der besonderen rechtlichen Art ...
Regina hat den Karton mit ihren jahrelangen Recherchen, Ko-pien, Adressen, Beweisen, angefertigten Listen und Fotos nach dem Abzeichnen des Buchmanuskriptes als letzten Akt der Be-freiung verbrannt und die Asche lässig in alle Winde verstreut. Sie hat endgültig losgelassen. Das heißt jedoch nicht, dass sie den Tätern verziehen hat. Nein. Sie hat nur, nach Monaten der seelischen Müllentsorgung und inneren Kämpfe, mit sich Frieden geschlossen und ihre schmerzvolle Vergangenheit samt Täter ein für alle Mal zu Asche werden lassen. Nie wieder wird sie Opfer sein oder sich schuldig fühlen.

Als wir uns das erste Mal im Café trafen, erzählte mir Regina, dass sie beim Lesen meines Buches viel geweint habe. Die Ge-schichte von »Betty und Paul« hat sie so sehr berührt, dass das Nachdenken von alleine kam. Sie fühlte sich in ihre eigene Kin-derzeit zurückversetzt und jede Menge Bilder, die sie glaubte, vergessen zu haben, kamen in ihr hoch. Die meisten davon wa-ren entsetzlich. Am Ende ist es für sie der letzte Anstoß gewesen, den sie gebraucht hatte, um ihre restlichen Altlasten für alle Zeiten loswerden zu wollen. Sie sagte sich: »Wenn Betty und Paul es nach solchen Schicksalsschlägen geschafft haben, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und glücklich zu werden, dann schaffe ich den Restabbau auch noch!«
Sie bat mich, ihre Geschichte mit anderen Namen zu veröffentlichen, was sie selber weder kann noch möchte. Als bekannte Persönlichkeit will Regina sich nicht der Gefahr aussetzen, in irgendwelchen Gazetten in den Klatschspalten seziert und verunglimpft zu werden. Sie sagte mir:
»Jeder Mensch hat drei Leben: ein privates, ein öffentliches und eines, das sich andere ausdenken! Das letztere basiert da-rauf, dass wir es heutzutage vermehrt zulassen, dass nur ein winziger Teil der Bevölkerung mehr Einfluss und Macht in unserer Gesellschaft hat anstelle der Majorität des Volkes. Einzelne bestimmen über Abstieg oder Aufstieg von Menschen, über Krieg oder Frieden, über Unrecht oder Recht, über Armut oder Reichtum, über Erfolg oder Misserfolg. Legen fest, was wir essen, trinken, lesen, wissen, kaufen, schauen und glauben dürfen. Zu oft wird das durch Lügen, Betrug, Ausbeutung, Drohungen oder Gewalt erreicht. Es ist mir ein Rätsel, warum ein großer Teil unserer Gesellschaft viel zu viel ungefiltert glaubt, hinnimmt und nichts hinterfragt.«
Regina hat mein Versprechen, dass ich sämtliche Notizen von mir und die von ihr überreichten Unterlagen vernichte, sobald sie nach Fertigstellung des Manuskriptes dieses gegengelesen hat.
Ich dachte immer, meine Freunde Betty und Paul hätten aller-hand tragische Ereignisse überwinden müssen. Aber was ich  von Regina hörte, in dieser massiven Form, machte mich einer-seits tagelang fertig, andererseits erweckte es die Rebellin in mir.
Leider ist Regina kein Einzelschicksal, weder früher noch heu-te. Die Dunkelziffer von Betroffenen ist sehr hoch und kaum ab-zuschätzen, wie viele Kinder, Jugendliche und Frauen zu hun-dertausenden derartige Qualen in Deutschland ertragen mussten und weiterhin erleiden müssen.
Ich lasse nun Regina berichten. Erst am Ende ihrer Geschichte werde ich mich wieder melden.

Marion Schinhofen

 

Regina erzählt:

Ich war ein Baracken- und Heimkind

Ich bin Regina. Durch das Buch »Betty und Paul« habe ich Marion gesucht, gefunden und kennengelernt. Wer Betty oder Paul sein könnten, daran erinnere ich mich nicht mehr. Marion wird mir auch nie im Leben die wahren Namen sagen. Doch die Beschreibung der Örtlichkeiten in Ratingen und die Erzählungen aus der Kinderzeit kamen mir sofort bekannt vor. Da bin ich ebenfalls geboren und aufgewachsen. Zwar nicht in einem der kleinen Holzhäuser, sondern in einer großen Baracke. Aber alles der Reihe nach.

Auslöser, meine Geschichte publik zu machen, war für mich das Buch »Betty und Paul«, mit seinem einfachen Titel, aber mit einer Tiefe, die mich berührte und mir klar vor Augen führte: Nur ich selber kann meine Lebensqualität weiter verbessern, wenn ich bereit bin, endlich die dunklen Punkte aus meiner Kindheit und den Jahren danach entschlossen zu eliminieren.

Kein anderer weiß, dass ich hier meine bisherige Lebensgeschichte ausbreite. Ich will auch nicht, dass jemand erfährt, wer ich bin. Persönlich glaube ich daran, wenn ich das Ganze einmal erzählt habe, dass es aus meinem Kopf heraus ist und ich für immer mit meiner schrecklichen Vergangenheit abschließen kann.

Darüber hinaus lasse ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, an meiner Geschichte teilhaben, in der Hoffnung, mit diesem Buch Menschen zu sensibilisieren, nicht länger wegzuschauen und zu schweigen. Wenn Sie Menschen schreien hören oder Zeuge werden oder von Gewalttaten wissen, insbesondere an Kindern und Frauen, dann zeigen Sie das bitte an oder geben zumindest einen Hinweis an die Polizei oder an das Jugendamt. Helfen Sie bitte. Jeder von uns kann einmal in eine Situation geraten, wo er für jede Hilfe von Mitmenschen dankbar sein würde.

Vorsichtig, wie ich bin, habe ich meine Quellen genutzt und Informationen über Marion eingeholt, bevor ich bereit war, mit ihr gemeinsam den Weg einer Buchveröffentlichung zu gehen. Natürlich habe ich vorher schon dieses und jenes versucht, um mich von der Vergangenheit vollständig zu befreien. Mehrere Therapeuten habe ich in vielen Jahren bereits verbraucht und mit Sicherheit den einen oder anderen an seine Grenzen gebracht. Vor über achtzehn Jahren hörte ich mit diesen Sitzungen auf. Dabei hätte wahrscheinlich ein weiterer Therapeut noch etliche Zeit seine helle Freude an mir gehabt und vor allen Dingen guten Umsatz. Ein- bis zweimal in der Woche eine knappe Stunde einem auf der Couch liegenden Patienten zuzuhören und dann Punktum zu sagen: »Bis Mittwoch zur gleichen Zeit ...«, sind so meine Erfahrungen. Brachte mir gar nichts außer hohen Kosten. Ehrlicherweise muss ich aber gestehen: Ich war nicht ganz unschuldig daran, weil ich mich nicht öffnen konnte. Angst und Misstrauen schnürten mir die Kehle zu, auch noch nach Jahrzehnten.

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Textprobe: Marion Schinhofen
© 2019 Franzius Verlag GmbH