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Textprobe: "Barackenkinder" für den dt. Buchpre...

Textprobe: "Barackenkinder" für den dt. Buchpreis 2019

Textprobe: "Barackenkinder" für den dt. Buchpreis 2019

 

"Barackenkinder"

von Marion Schinhofen

Taschenbuch, 278 Seiten

ISBN 978-3-96050-158-9

Erscheint voraussichtlich im Juni 2019

 

 

 

Textprobe des Romans "Barackenkinder", wie sie dem deutschen Buchpreis 2019 eingereicht wurde.

Hat man mich vergessen?  (Kapitel 8)

Nachdem man mich nach Tagen bei Wasser und Brot aus dem Kellerraum ließ, erlaubte man mir, in einem Schlafraum mit vierzig anderen Mädchen zu übernachten. Es waren Holzbetten mit harten Strohmatratzen und einer kratzenden Wolldecke.

Wir hatten nichts, kein Spielzeug, keine Abwechslung, keine Privatsphäre. Zuneigung gab es ebenfalls nicht. Uns umgab emotionale Kälte. Unsere Sehnsucht nach Gernhaben, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Anerkennung wurde uns mit Schlägen ausgetrieben. Besonders brutal schlugen sie zu, wenn wir Kinder uns schutzsuchend in den Arm nahmen, um uns gegenseitig zu trösten und zu wärmen. Manche Kinder hörten nicht auf zu schreien. Sie wurden mit Tabletten ruhiggestellt. Wer sie genommen hatte, war schnell still.

Tagsüber mussten wir in dem von hohen Hecken eingezäunten großen Gemüsegarten arbeiten und oft mit bloßen Händen, Sommer wie Winter, die Erde umgraben. Am Ende des Gemüsegartens war durch eine weitere Hecke der Kinderfriedhof des Heims abgetrennt. Dort standen viele weiße Grabkreuze ohne Namen.

Ich war gerade mal einen Monat im Heim, als ich mich bei der Heimleiterin zu melden hatte. Eine Nonne klärte mich vorher auf, wie ich mich zu benehmen habe, und dass ich sie mit »Ehrwürdigste Mutter« ansprechen musste. Also küsste ich ihr brav und knicksend die Hand und sagte artig: »Guten Tag, Ehrwürdigste Mutter.«

Sie entgegnete: »Du bist ein hübsches blondes, arisches Mädchen mit schönen blauen Augen, nicht ein solcher Trampel wie die meisten Mädchen bei uns. Ich werde dir erlauben, die Volksschule in der Nähe zu besuchen und abzuschließen, wenn du mir dafür ab und zu einen Gefallen tust. Es gibt da ein paar hohe Persönlichkeiten, die sich gerne mit kleinen Mädchen beschäftigen. Du wirst viele schöne Dinge bekommen, aber du darfst nie darüber reden, dann passiert dir auch nichts.«

Ich begriff sofort, was sie meinte. Das war wieder dieses Körperding zwischen Mann und Frau, das geheim bleiben musste. Das kannte ich bereits und nickte nur ergeben mit dem Kopf.

Am nächsten Tag durfte ich mit zwei gleichaltrigen Mädchen, Elke und Heide, zur Schule gehen, die um die Ecke des Heimes lag. Natürlich nicht ohne Ermahnungen der Nonnen, umgehend nach Schulschluss ins Heim zurückzukehren, mich brav zu verhalten und keinerlei Kontakte da draußen aufzunehmen.

Nicht lange, da kam der Tag, wo die Ehrwürdigste Mutter von mir den ersten Gefallen einforderte. Sie erzählte mir, dass es im Heim einen abseits gelegenen Raum mit gedämpftem Licht gab, plüschig, in Rot, mit Sofas und Tischchen eingerichtet, mit einer kleinen Bar und einer Musikbox. Eine Tür führte ins Bad und eine Tür in ein kleines Schlafzimmer. Alleine sie hätte einen Schlüssel zu diesem Separee.

Am Abend rief sie mich erneut zu sich ins Büro. Zu meiner Überraschung waren auch Elke und Heide anwesend. Da standen wir nun, abwartend, drei unterschiedliche, hübsche kleine Mädchen. Ich war blond, Elke dunkelhaarig und Heide hatte rote Haare.

Die Ehrwürdigste Mutter sagte uns: »Ihr seid vom lieben Gott auserwählt, um heute Abend drei der angesehensten Herren eine Freude zu bereiten. Elke und Heide, ihr kennt das ja bereits. Regina ist das erste Mal dabei. Eure Kleidung habe ich im Nebenzimmer hingelegt. Seid also gehorsam und bereitet mir niemals Ärger.« Sie half uns die Netzstrümpfe und kurzen Kleider anzuziehen und schminkte uns anschließend.

So herausgeputzt ging sie mit uns durch eine Geheimtür, damit uns niemand sah, zu dem Raum, wo bereits drei Zigarre rauchende alte dicke Männer an der Bar auf uns warteten. Nachdem die Ehrwürdigste Mutter einen Umschlag entgegengenommen hatte, verließ sie den Raum und ein Mann schloss von innen die Tür ab. Sie gaben uns Sekt zu trinken und taten etwas hinein. Jeder Mann nahm sich eine von uns und ging zu einem der Sofas. Ich sah zu Elke und Heide hinüber und machte ihnen alles nach. Sie setzten sich rittlings auf den Schoß der Männer, machten Bewegungen, die ich schon kannte, und ließen sich von ihnen überall anfassen. Langsam wurden wir ausgezogen. Als wir nackt vor ihnen standen, verlangten die Männer von uns, dass wir sie ausziehen und an ihnen herumspielen sollten. Dann fielen sie fast gleichzeitig über uns her und drangen in uns ein. Wir drei ließen das Ganze willenlos geschehen und nahmen die Ereignisse nur noch durch einen Nebel wahr, auch, als die Männer wechselten. Sie vergnügten sich stundenlang mit uns.

Als wir wieder wach wurden, waren die »Besucher« weg und die Ehrwürdigste Mutter da, die uns ins Bad schickte, wo wir uns säuberten.

»Das habt ihr gut erledigt, die ehrenwerten Herren waren sehr zufrieden mit euch und freuen sich auf das nächste Mal« sagte sie, gab uns unsere Heimkleidung, sodass wir direkt zum Frühstück und anschließend zur Schule gehen konnten.

Weitere Versuche der Vergangenheitsbewältigung (Kapitel 19)

Etwa zum gleichen Zeitpunkt 1984 überkam mich das Verlangen, mit meiner Vergangenheit abschließen zu wollen. Dazu brauchte ich Antworten auf meine Fragen. Ohne Antworten würde ich niemals Ruhe finden. Ich versuchte herauszufinden, was die Hintergründe gewesen waren, warum ich durch diese Hölle hatte gehen müssen und einem entmenschlichten System ausgeliefert worden war. Lebte meine Mutter noch? Würde ich vielleicht meine Schwester wiederfinden?

Zwei Jahre habe ich neben meiner Arbeit akribisch recherchiert, sogar einen Detektiv mehrmals beauftragt. Zudem fuhr ich noch einmal zu allen Orten und Heimen hin in der Hoffnung, Antworten zu bekommen.

Als Elke, Heide und ich nach unserer Flucht aus den Ehen die drei Heime aufgesucht hatten, waren wir nur auf die Abrechnung mit unseren Peinigern fixiert gewesen. Wir waren drei Racheengel auf dem Feldzug, die ihnen ihre unmenschlichen Quälereien heimgezahlt hatten. Nun ging es mir allein darum, den Restmüll in mir entsorgen zu können, Antworten zu erhalten und hoffentlich meine Schwester zu finden. Na ja, ein wenig war ich natürlich auch neugierig darauf zu erfahren, ob unsere Aktionen etwas bewirkt hatten und unsere Peiniger zur Rechenschaft gezogen worden waren.

Das von Nonnen geführte erste Heim war 1978 dem Erdboden gleichgemacht und das Grundstück mit Einfamilienhäusern bebaut worden. Der Kinderfriedhof und der große Gemüsegarten waren nicht mehr vorhanden. Ich setzte mich in den kleinen angelegten Park hinter dem letzten Haus auf eine Bank und überlegte, was an welcher Stelle gestanden hatte. Eine alte Frau setzte sich zu mir und wir kamen ins Gespräch. Sie erinnerte sich daran, dass hier vorher ein Kinderheim gestanden hatte, mit einem Kinderfriedhof, auf dem sich rund einhundert Grabkreuze befanden.

Sie sagte: »Auf den Totenscheinen der Kinder stand damals häufig ›Schwäche‹ als Todesursache. Was wirklich den Tod der Kinder verursacht hat, war nicht mehr zu ermitteln, da die Akten entweder verschwunden waren oder von den Behörden geschreddert wurden.«

Ich hatte das starke Gefühl, dass diese alte Frau viel mehr wusste, als sie mir preisgeben wollte. Sie sah traurig aus. Daher hörte ich auf, ihr Fragen zu stellen. Es stimmte mich froh und ich war sehr erleichtert, dass dieses elende Heim nicht mehr existierte. Die alte Frau stand auf, umarmte mich plötzlich und sagte: »Gott schütze dich, mein Mädchen.« Ich war so was von verblüfft, ehe ich etwas erwidern konnte, war sie schon weg.

Das zweite Heim mit seinen hohen Mauern und dem dunklen Gebäude ist ein Erziehungsheim geblieben. Ach nein, darf man ja nicht mehr so nennen. Heutzutage heißt das »Unterbringung von Jugendlichen mit erhöhtem Erziehungsbedarf«.

Als ich es wiedersah, hoffte ich, dass man mit den Jugendlichen menschenwürdiger und liebevoller umging als zu unserer Zeit. Im Ort hatte ich mich ein bisschen umgehört und war auf sehr gesprächige Zeitgenossen gestoßen. Sie erzählten mir, dass etwa Anfang 1977 das gesamte Heim geräumt und die Erzieher/innen samt Heimleiter verhaftet worden waren. Jetzt wären wieder Jugendliche da, die aber von ausgebildeten Pädagogen betreut werden würden und Freigänge erhielten. Ich sollte im Archiv der Zeitung nachsehen, wenn ich weitere Informationen wünschte, was ich dann sofort tat.

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Textprobe: Marion Schinhofen
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